So funktioniert der chads-vasc-rechner
Der Rechner stellt dir acht Ja/Nein-Fragen – eine pro Kriterium. Jedes „Ja" gibt Punkte, am Ende steht die Summe. Hier die Kriterien in Klartext – so, wie du sie als Betroffener verstehst:
| Kürzel | Kriterium (Klartext) | Punkte |
|---|---|---|
| C | Herzschwäche (Herzinsuffizienz) – vom Arzt festgestellt | 1 |
| H | Bluthochdruck (Hypertonie) – auch wenn er behandelt ist | 1 |
| A2 | Alter 75 Jahre oder älter | 2 |
| D | Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) | 1 |
| S2 | Früherer Schlaganfall, TIA („kleiner Schlaganfall") oder Thrombembolie | 2 |
| V | Gefäßerkrankung – z. B. durchgemachter Herzinfarkt, pAVK (Schaufensterkrankheit), Verkalkung der Hauptschlagader | 1 |
| A | Alter 65 bis 74 Jahre | 1 |
| Sc | Weibliches Geschlecht | 1 |
Drei Regeln sind wichtig: Erstens zählt das Alter nur einmal – mit 78 bekommst du 2 Punkte für A2, nicht zusätzlich 1 für A. Zweitens ist das Maximum 9 Punkte. Drittens: Der Score wurde für Menschen mit Vorhofflimmern entwickelt – ohne diese Diagnose ist er nicht gedacht.
Aus der Punktsumme ergibt sich die Risikostratifizierung – also die Einordnung deines jährlichen Schlaganfallrisikos. Die am häufigsten zitierte Tabelle stammt von Lip et al. (2010), die 7.329 Patienten mit Vorhofflimmern untersuchten und die adjustierte Schlaganfallrate pro Jahr bestimmten (ohne Gerinnungshemmung):
| Score | Schlaganfallrisiko pro Jahr |
|---|---|
| 0 | 0 % |
| 1 | 1,3 % |
| 2 | 2,2 % |
| 3 | 3,2 % |
| 4 | 4,0 % |
| 5 | 6,7 % |
| 6 | 9,8 % |
| 7 | 9,8 % |
| 8 | 9,6 % |
| 9 | 15,2 % |
Wichtig zur Einordnung – und das verschweigen die meisten Rechner: Es gibt eine zweite große Studie (die schwedische Vorhofflimmer-Kohorte von Friberg), die teils andere Prozentwerte liefert (z. B. Score 0: 0,2 %, Score 5: 7,2 %, Score 9: 12,2 % pro Jahr). Beide Studien sind seriös; die Unterschiede kommen aus verschiedenen Patientengruppen und Zeiträumen.
Die Prozentzahlen sind deshalb Orientierungswerte aus historischen Kohorten, keine exakte Prognose für dich. Die Therapieentscheidung orientiert sich in der Praxis an den leitlinienbasierten Score-Schwellen, nicht an der Nachkommastelle der Prozenttabelle.
Was ändert sich 2026 / 2027?
Der CHA2DS2-VASc-Score selbst ist seit seiner Einführung (Lip 2010, ESC-Empfehlung seit 2012) unverändert – dieselben acht Kriterien, dieselbe Gewichtung, keine Änderung für 2026/2027 angekündigt (Stand: Oktober 2026, live geprüft). Was sich geändert hat, ist die Leitlinien-Empfehlung: Die ESC-Leitlinie 2024 zum Vorhofflimmern führt den Nachfolger CHA2DS2-VA ein – identisch zum VASc-Score, aber ohne den Geschlechtspunkt (Sc).
Hintergrund: Das weibliche Geschlecht allein – ohne weitere Risikofaktoren – soll keine Behandlungsentscheidung mehr auslösen. Beim CHA2DS2-VA beträgt das Maximum 8 Punkte; die Empfehlung lautet: Score ≥ 2 → orale Gerinnungshemmung empfohlen (Klasse I), Score = 1 → erwägen (Klasse IIa) – unabhängig vom Geschlecht.
In Deutschland wird der neue Score schrittweise übernommen; viele Praxen und Rechner (auch dieser hier) arbeiten noch mit dem klassischen VASc. Für dich heißt das praktisch: Als Frau ohne weitere Risikofaktoren (Score 1 nur durch Sc) ergibt sich nach neuer Leitlinie keine Behandlungsindikation aus dem Geschlecht allein – sprich das bei deinem nächsten Kardiologie-Termin an, wenn du unsicher bist.
Diese Seite wird jährlich gegen die ESC-Leitlinien geprüft – Stand: Oktober 2026.
Beispielrechnung
Nehmen wir Herrn Becker, 70 Jahre alt, männlich, mit Bluthochdruck und Diabetes – ein typischer Fall aus der Praxis, den auch Fachseiten als Beispiel verwenden.
Schritt 1 – Kriterien durchgehen:
- C Herzschwäche? Nein → 0
- H Bluthochdruck? Ja → 1 Punkt
- A2 Alter ≥ 75? Nein (70) → 0
- D Diabetes? Ja → 1 Punkt
- S2 Schlaganfall/TIA? Nein → 0
- V Gefäßerkrankung? Nein → 0
- A Alter 65–74? Ja → 1 Punkt
- Sc weibliches Geschlecht? Nein → 0
Schritt 2 – Addieren: 1 + 1 + 1 = 3 Punkte. Für vertiefende Berechnungen können Sie direkt den Blutdruck-Rechner: deine Werte richtig einordnen heranziehen.
Schritt 3 – Risiko einordnen: Nach Lip et al. (2010) entspricht ein Score von 3 einer adjustierten Schlaganfallrate von 3,2 % pro Jahr – also etwa 3 von 100 vergleichbaren Patienten erleiden pro Jahr einen Schlaganfall oder ein thromboembolisches Ereignis (ohne Gerinnungshemmung).
Schritt 4 – Leitlinien-Info (allgemein, keine Empfehlung für Herrn Becker persönlich): Nach ESC 2020 wird bei Männern ab 2 Punkten eine orale Gerinnungshemmung empfohlen (Klasse I) – bei 3 Punkten liegt Herr Becker über dieser Schwelle. Ob sie für ihn tatsächlich infrage kommt, wägt sein Arzt ab: gegen das Schlaganfallrisiko steht das Blutungsrisiko (dafür gibt es den eigenen HAS-BLED-Score), dazu kommen Begleiterkrankungen und Medikamente.
Der Score liefert die eine Seite der Waage – die Entscheidung trifft der Arzt mit dem Patienten.
Ein zweites, kurzes Beispiel für die andere Seite der Skala: Frau Sommer, 58, weiblich, Bluthochdruck, sonst gesund. H = 1, Sc = 1 → 2 Punkte → Risiko 2,2 %/Jahr (Lip 2010).
Nach ESC 2020 (Frauen: ab 2 erwägen, ab 3 empfohlen) wäre das der Bereich „erwägen" – nach dem neuen CHA2DS2-VA (2024, ohne Sc) hätte sie nur 1 Punkt (nur H) – ebenfalls „erwägen". Der Unterschied zeigt, warum das Update gerade für Frauen relevant ist.
Typische Fehler
- Den Geschlechtspunkt überbewerten.
Der häufigste Irrtum: „Ich bin eine Frau, also habe ich automatisch Risiko." Der Sc-Punkt allein – ohne jeden weiteren Risikofaktor – hat nach aktueller ESC-Leitlinie (2024) keine Behandlungskonsequenz mehr. Genau deshalb wurde der CHA2DS2-VA eingeführt.
Die Prozentzahlen als persönliche Prognose lesen. „3,2 % – also bekomme ich in 30 Jahren sicher einen Schlaganfall." So funktioniert Statistik nicht: Die Zahlen beschreiben Gruppen aus alten Studien, nicht dein Schicksal. Sie dienen der Einordnung, nicht der Vorhersage.
Den Score ohne Vorhofflimmern anwenden. Der Score wurde für Menschen mit Vorhofflimmern validiert. Wer kein Vorhofflimmern hat und trotzdem „seinen Score" ausrechnet, produziert eine Zahl ohne Aussagekraft – und verunsichert sich umsonst.
Das Blutungsrisiko vergessen.
Jeder Score-Punkt erhöht rechnerisch das Schlaganfallrisiko – aber eine Gerinnungshemmung erhöht das Blutungsrisiko. Die Leitlinien verlangen deshalb immer die Gegenabwägung (HAS-BLED-Score).
Wer nur die eine Seite kennt, versteht die Therapieentscheidung nicht.
- Alte und neue Scores vermischen.
CHA2DS2-VASc (mit Sc, max. 9) und CHA2DS2-VA (ohne Sc, max.
- nebeneinander zu verwenden oder Prozenttabellen des einen auf den anderen anzuwenden, führt zu falschen Schlüssen. Diese Seite rechnet den klassischen VASc – und weist auf den VA-Nachfolger hin.
- Aus dem Score selbst eine Therapie ableiten.
Diese Seite gibt bewusst keine Behandlungsempfehlung: Der Score ist ein Stratifizierungsinstrument für Ärzte, kein Selbstdiagnose-Tool. Ob, womit und wie lange gerinnungshemmend behandelt wird, gehört in die kardiologische Sprechstunde – nicht in einen Online-Rechner.
Sonderfälle / Ausnahmen
Frauen ohne weitere Risikofaktoren: Score 1 nur durch Sc – nach ESC 2020 keine Therapie, nach ESC 2024 (VA-Score) ebenfalls keine, da der Punkt entfällt. Trotzdem regelmäßig kontrollieren lassen: Risikofaktoren können dazukommen (z. B. Bluthochdruck mit den Jahren).
Mechanische Herzklappen / höhergradige Mitralklappenstenose: Hier gilt der Score nicht – diese Patienten erhalten unabhängig vom Score eine Gerinnungshemmung mit Vitamin-K-Antagonisten (Cumarinen), keine DOAKs. Der Rechner weist bei dieser Angabe auf die Ausnahme hin, statt einen Score auszugeben.
Junge Patienten mit Vorhofflimmern: Bei unter 65-Jährigen ohne weitere Risikofaktoren liegt der Score bei 0 (Männer) bzw. 1 (Frauen) – also im Bereich „keine Gerinnungshemmung". Das beruhigt, ersetzt aber nicht die Ursachenabklärung des Vorhofflimmerns (z. B. Schilddrüse, Bluthochdruck). Zur optimalen Gesamtplanung empfiehlt sich ergänzend unser praktischer BMI-Rechner: Übergewicht als Risikofaktor einordnen.
Bereits unter Gerinnungshemmung: Der Score beschreibt das Risiko ohne Therapie – er dient der Entscheidung für die Therapie, nicht ihrer Kontrolle. Wer bereits behandelt wird, braucht den Score nicht zur Selbstüberwachung.
Kein Vorhofflimmern diagnostiziert: Herzstolpern oder ein unregelmäßiger Puls sind noch kein Vorhofflimmern – die Diagnose stellt der Arzt per EKG. Ohne gesicherte Diagnose ist der Score bedeutungslos.
Blutungsneigung / HAS-BLED: Besteht ein hohes Blutungsrisiko (z. B. frühere schwere Blutungen, Leber-/Nierenerkrankungen, Alkoholmissbrauch), muss der Arzt Nutzen und Risiko besonders sorgfältig abwägen – der HAS-BLED-Score ist das Gegenstück zum CHA2DS2-VASc. Beide gehören in der Sprechstunde zusammen.
Was bedeutet das Ergebnis für dich?
Dein Ergebnis hat zwei Teile: die Punktzahl und die Risikostufe. So ordnest du sie ein – als allgemeine Information, nicht als Anweisung:
0 Punkte (Männer) / 1 Punkt (Frauen, nur Sc): Nach ESC-Leitlinien wird keine gerinnungshemmende Therapie empfohlen. Das ist die beruhigende Nachricht – sie entbindet dich aber nicht von der Behandlung der Grunderkrankung (Vorhofflimmern, Bluthochdruck) und von regelmäßigen Kontrollen.
1 Punkt (Männer) / 2 Punkte (Frauen): Die Leitlinie sieht hier „erwägen" vor (Klasse IIa) – also ein Gespräch mit dem Kardiologen, in dem Nutzen und Blutungsrisiko gegeneinander abgewogen werden. Der chads-vasc-rechner kann dir dieses Gespräch nicht abnehmen, aber er bereitet dich darauf vor: Du weißt jetzt, welche Faktoren zählen und welche Fragen du stellen kannst.
2+ Punkte (Männer) / 3+ Punkte (Frauen): Die Leitlinie empfiehlt eine orale Gerinnungshemmung (Klasse I) – in der Regel mit modernen DOAKs (z. B. Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban, Dabigatran), im Einzelfall mit Cumarinen. Auch das ist keine Selbstmedikation: Die Wahl des Mittels, die Dosierung und die Dauer legt dein Arzt fest – unter Berücksichtigung deines Blutungsrisikos.
Unabhängig von deiner Punktzahl gilt: Der Score ist ein Momentaufnahme-Risikomaß – neue Risikofaktoren (z. B. neu aufgetretener Bluthochdruck oder Diabetes) verändern ihn. Lass ihn bei deinen kardiologischen Kontrollen regelmäßig neu bewerten.
Und wenn du Bluthochdruck hast – eines der häufigsten Kriterien –, hilft dir der blutdruck-rechner (in Vorbereitung), deine Werte richtig einzuordnen.