Was ist FIRE? Die 4-%-Regel einfach erklärt
FIRE steht für „Financial Independence, Retire Early" — finanzielle Unabhängigkeit und früherer Ruhestand. Die Idee: Du sparst und investierst einen großen Teil deines Einkommens (oft 50 % und mehr), bis dein Vermögen so groß ist, dass du von den Erträgen leben kannst.
Arbeiten wird dann freiwillig.
Die 4-%-Regel stammt aus der Trinity-Studie (1998): Wer im ersten Ruhestandsjahr 4 % seines Depots entnimmt und die Entnahme danach jährlich an die Inflation anpasst, dessen Geld reichte in den untersuchten US-Zeiträumen mindestens 30 Jahre. Daraus folgt die berühmte Faustformel:
FI-Zahl = Jahresausgaben × 25
Bei 2.000 € Monatsausgaben (24.000 €/Jahr) brauchst du also rechnerisch 600.000 €. Wichtig: Die Studie betrachtete 30 Jahre — wer mit 40 aussteigt, braucht eher 40 bis 50 Jahre.
Viele in der FIRE-Community rechnen deshalb mit 3 bis 3,5 % Entnahmerate, also dem 29- bis 33-Fachen der Jahresausgaben.
So funktioniert die Berechnung mit dem fire-rechner
Der Rechner kombiniert drei Eingaben zu einem Ergebnis:
- Deine FI-Zahl: Jahresausgaben ÷ Entnahmerate.
Bei 4 % ist das das 25-Fache deiner Jahresausgaben. 2.
Dein Sparweg: Aus Nettoeinkommen minus Ausgaben ergibt sich deine jährliche Sparleistung; die Sparquote ist der Anteil am Nettoeinkommen. 3.
Die Zeit bis FI: Mit deiner angenommenen realen Jahresrendite (nach Inflation) und deinem heutigen Depotstand löst die Zinseszins-Mathematik auf, nach wie vielen Jahren dein Vermögen die FI-Zahl erreicht. Für vertiefende Berechnungen können Sie direkt den sparplan-rechner heranziehen.
Die Formel dahinter (A = heutiges Vermögen, S = jährliche Sparleistung, E = Jahresausgaben, r = Realrendite, w = Entnahmerate):
Jahre = ln((S + r × E ÷ w) ÷ (S + r × A)) ÷ ln(1 + r)
Eine höhere Sparquote verkürzt die Zeit dramatisch, weil sie doppelt wirkt: Du sparst mehr pro Jahr und deine FI-Zahl sinkt, weil du mit weniger Ausgaben auskommst.
Was ändert sich 2026 / 2027?
Für die FIRE-Mathematik selbst gibt es keine Gesetzesänderung — die 4-%-Regel ist keine Rechtsnorm, sondern eine Faustregel. Relevant für deine Planung sind aber diese Rahmenwerte (Stand: Oktober 2026):
- Grundfreibetrag 12.348 € (2026): Kapitalerträge darüber werden mit 25 % Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag besteuert — deine reale Entnahme nach Steuern ist also kleiner als die Bruttorechnung.
- BBG Kranken-/Pflegeversicherung 69.750 €/Jahr: Steigst du früh aus, zahlst du deine Krankenversicherung selbst — als freiwilliges GKV-Mitglied oder privat. Diese Kosten gehören in deine Jahresausgaben, sonst lügt die FI-Zahl.
- Frühstartrente (geplant ab 2027): Der Staat zahlt künftig 10 €/Monat in ein Altersvorsorgedepot für Kinder (Jahrgang 2020 zuerst) — für deine eigenen Kinder ein Baustein, für deine FI-Rechnung irrelevant.
- Inflation: Die Realrendite-Annahme (z. B. 5 %) ist der ehrlichste Hebel im Rechner — rechne lieber konservativ.
Beispielrechnung
Nehmen wir Lisa, 30 Jahre alt:
- Nettoeinkommen: 60.000 €/Jahr
- Jahresausgaben: 24.000 € (Sparquote 60 %)
- Jährliche Sparleistung: 36.000 €
- Heutiges Depot: 100.000 €
- Angenommene Realrendite: 5 % pro Jahr
- Entnahmerate: 4 %
Schritt 1 — FI-Zahl: 24.000 € ÷ 0,04 = 600.000 €
Schritt 2 — Jahre bis FI: Der fire-rechner setzt in die Formel ein:
Jahre = ln((36.000 + 0,05 × 24.000 ÷ 0,04) ÷ (36.000 + 0,05 × 100.000)) ÷ ln(1,05)
= ln(66.000 ÷ 41.000) ÷ 0,04879
= 0,47606 ÷ 0,04879 ≈ 9,8 Jahre Zur optimalen Gesamtplanung empfiehlt sich ergänzend unser praktischer zinseszins-rechner.
Schritt 3 — Ergebnis: Lisa ist mit knapp 40 finanziell unabhängig — vorausgesetzt, sie hält Ausgaben und Sparquote durch und die Märkte liefern im Schnitt 5 % real. Zur Kontrolle: 100.000 € × 1,05^9,8 + 36.000 € × (1,05^9,8 − 1) ÷ 0,05 ≈ 600.000 €. Die Rechnung geht auf.
Zum Vergleich die Sparquote-Tabelle (5 % Realrendite, 4 % Entnahme, Start bei null): 30 % Sparquote → ca. 28 Jahre, 50 % → ca. 17 Jahre, 70 % → ca. 9 Jahre.
Typische Fehler
Brutto statt netto rechnen: Die 4-%-Regel muss deine Ausgaben nach Steuern und nach Krankenversicherung decken — sonst fehlen im Ernstfall 25 % Abgeltungsteuer plus KV-Beitrag.
Nominal- statt Realrendite ansetzen: 7 % nominal klingen gut, nach 2 % Inflation bleiben 5 %.
Der Rechner arbeitet bewusst mit Realrendite. 3.
Die gesetzliche Rente vergessen: Wer mit 40 aussteigt, zahlt kaum noch ein — die spätere gesetzliche Rente schrumpft. Plane sie nicht als Rettung ein.
Sequenzrisiko ignorieren: Crashen die Märkte in den ersten Jahren nach deinem Ausstieg um 30 %, kann dieselbe Entnahmerate dein Depot dauerhaft beschädigen — die Trinity-Studie kennt auch gescheiterte Verläufe.
Zu optimistische Ausgaben: Viele unterschätzen ihre Ausgaben um 20–30 %.
Tracke ein Jahr lang ehrlich, bevor du die FI-Zahl festlegst. 6.
Einmalzahlung als Dauerzustand: Bonus oder Erbschaft im Startvermögen schönen die Rechnung — rechne den Weg auch ohne sie.
Sonderfälle / Ausnahmen
- COAST FIRE: Du hast genug angespart, dass das Depot ohne weitere Einzahlungen bis zum regulären Rentenalter auf die FI-Zahl anwächst — du musst nur noch deine laufenden Ausgaben verdienen. Ideal für alle, die nicht komplett aufhören wollen.
- BARISTA FIRE: Du erreichst die FI-Zahl nicht ganz, deckst aber z. B. die Krankenversicherung und einen Teil der Ausgaben mit einem Nebenjob. In Deutschland wegen der KV-Pflicht oft die realistischste Variante.
- Paare: Zwei Einkommen, eine Wohnung — die Sparquote steigt fast automatisch. Aber: Trennung oder ein Kind verändern die Rechnung komplett. Rechne im Zweifel pro Person.
- Selbstständige: Unregelmäßiges Einkommen macht die Sparquote schwankend — rechne mit dem Durchschnittsnetto der letzten drei Jahre und lege einen größeren Puffer an.
- Immobilie: Eine abbezahlte selbstgenutzte Wohnung senkt deine Jahresausgaben (keine Miete) und damit deine FI-Zahl — sie zählt aber nicht als entnehmbares Vermögen.
Was bedeutet das Ergebnis für dich?
Dein Ergebnis besteht aus zwei Zahlen: deine FI-Zahl (das Zielvermögen) und dein FI-Datum (das Jahr, in dem du es erreichst). Nutze beides so:
- Ist das Datum zu spät? Drehe an der Sparquote, nicht an der Renditeannahme. 5 Prozentpunkte mehr Sparquote bringen mehr als jedes Rendite-Wunschdenken.
- Ist die FI-Zahl zu hoch? Prüfe deine Ausgaben ehrlich — jeder 100-€-Posten im Monat erhöht die FI-Zahl um 30.000 €.
- Nächster Schritt: Lege einen automatischen Sparplan an (ETF-Sparplan auf einen breit gestreuten Index) und wiederhole die Rechnung einmal im Jahr mit echten Zahlen.
- Und vergiss nicht: Finanzielle Unabhängigkeit heißt nicht, nie wieder zu arbeiten — sie heißt, nie wieder arbeiten zu müssen. Viele arbeiten danach weiter, aber zu eigenen Bedingungen.
Stand: Oktober 2026. Alle Berechnungen sind Modellrechnungen mit Annahmen — sie ersetzen keine individuelle Finanzberatung.